Der Großvater saß gern in der Gartenlaube und wartete auf Anna, wenn sie aus der Schule kam. Sein geliebter Apfelbaum trug endlich vier rote Äpfel. Einmal kletterte Anna heimlich auf das junge Bäumchen und pflückte einen großen Apfel. „Marsch nach oben in die Kammer“, drohte der Großvater mit dem Stock.
Der Apfelbaum hat den Krieg überlebt.
Die Bilder sind verschwommen von dem Tag, an dem die Mutter kam und Anna abholte. In dem engen Zimmer bei trübem Licht an dem niedrigen Fenster stand die Mutti, die Mutti aus Königsberg. Sie hatte so dünne Haare, trug einen fremden Mantel, hatte einen kleinen Koffer dabei.
Anna hatte die Mutti wieder – und die Mutti das Kind. Nicht loslassen!
Eine Europäische Odyssee: Königsberg – Oelsnitz/Erzgeb. – Potsdam – Stockholm – Kaliningrad entstand in enger Zusammenarbeit mit Dorothea Bjelvenstam. Die dokumentär-künstlerische Installation baute auf ihre Biografie; auf Erinnerungen die sie in kurzen persönliche Texte gestaltete und Fotos aus Familienalben und Schuhkartons.
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Aber im Grunde war das Zusammenarbeit ein Versuch, ein Leben nachzubilden, das typisch für die zwanzigste Jahrhundert in großer Teile Europa war; Krieg, Flucht, Verlust und Neuanfang. Die ausgewählten Ausstellungsorte folgten den Lebensstationen von Dorothea. Die erste 2007 in Kaliningrad war die unmögliche Rückkehr in die Stadt der frühen Kindheit, die Stadt Königsberg, die es nicht mehr gibt, aber wo noch der Apfelbaum des Großvaters steht. Im letzten Kriegsjahr wurde Dorothea nach Oelsnitz/Erzgeb. in Sachsen verschickt. Mit anderen Kindern, ohne ihre Mutter oder andere Verwandte. Auch wenn es viele Kinder waren, muss dieses Jahr eine einsame Zeit geblieben sein, nach Kriegsende wurden alle in verschiedene Richtungen verstreut, das Kind blieb mit seinen Erinnerungen allein. Von dieser dramatischen Zeit gibt es auch kaum Fotos. In Internetforen fand Dorothea einige von den verschickten Königsberger Mädchen wieder – wir konnten weitere Erinnerungen in die Installation in der Stadtbibliothek Oelsnitz aufnehmen. Ein Hungerjahr und Jugendjahre in einer Potsdamer Wohnung mit den Resten der großbürgerlichen Familie aus Königsberg folgten. Später nach Westberlin und Mitte der fünfziger Jahre Neuanfang in Stockholm. So erhielt die Installation an jedem Ausstellungsort ihren eigenen Schwerpunkt.European Odyssey Ausstellungen 2007 – 2010