12 + 60 Fotografien von Scherben aus Küstrin 60 Jahre nach Kriegsende. Doppelausstellung unter dem Obertitel ODERLAND im Schloss Neuhardenberg und Kulturhaus Seelow, 2005 Link Tabula Rasa
„Man kann … von einem Gedächtnis aller organischen Materie, ja der Materie überhaupt, sprechen, in dem Sinne, daß gewisse Einwirkungen mehr oder weniger dauernde Spuren an ihr hinterlassen. Der Stein selbst behält die Spur des Hammers, der ihn getroffen hat.“ Karl Spamer, Physiologie der Seele, 1877
Die im Schloss Neuhardenberg gezeigten 72 Scherben habe ich in den vergangenen zwölf Jahren in dem Gelände gesammelt, wo einst die Altstadt von Küstrin lag. Als ich im März 1993 über die Oder erstmals nach Küstrin kam, war die Struktur einer Stadt nicht zu erkennen: alles war überwachsen, das Terrain unwegsam, nur mit Schwierigkeiten konnte ich mich darin bewegen. Aber innerhalb des Gestrüpps, wo der Erdboden gleichsam umgewühlt, aufgegraben und überwuchert war, lagen im Gras Porzellanscherben, mehr und mehr. Und ich entdeckte, dass der Boden, in dem die Scherben lagen, nicht Erde war, sondern überwachsener Backstein. Die Fundstücke, die der Boden freigab, erinnerten an das ausgelöschte alltägliche Leben, an die Bewohner, die gestorben oder geflohen waren.
Wie in einem Brennspiegel bündeln die Scherben das dramatische Geschehen, gleichermaßen seine Auslöschung und Freisetzung, so wie insgesamt das Oderland zu einem Brennspiegel des Kriegsendes geworden ist.
BODENFUNDE. ODERLAND. Eine Inventur Schloss Neuhardenberg, Foyer des Großen Saals, Frühjahr 2005